Entschleunigung auf Reisen
Ich fahre total gerne nach Schweden und Dänemark und ich glaube, das hat seine Gründe. Das Wetter ist dort genauso wie zu Hause, es gibt keine großen Temperaturunterschiede, auf die ich mich bei der Anreise einstellen muss. Da ich an einem Hafen lebe, von dem aus man ziemlich fix da drüben ist, ist auch die Anreise viel leichter, als zum Beispiel mit dem Flugzeug. Natürlich gibt es immer jemanden, der das Auto auf das Schiff bringt. Schon wenn ich dort mit dem Auto (oder auch mal nur mit dem Fahrrad) ankomme, fühle ich mich leichter. Kein Schilderwald, keine unnötig vielen Baustellen, keine aufdringlichen Werbeplakat und Leuchtreklamen. Mein Gehirn darf sich endlich entspannen und muss nicht mehr versuchen, dieses unendliche Meer an Informationen aufzunehmen, versuchen, zu verarbeiten und daran zu scheitern, sich alles zu merken.

Auf einer dänischen Fähre konnte man mal Sonnenblumenbänder kaufen, die ursprünglich für Flughäfen erfunden wurden. Dabei handelt es sich um ein Schlüsselband, dass anderen Menschen vermittelt, dass man eine (oder mehrere) unsichtbare Beeinträchtigung hat. Damit soll klar gemacht werden, dass mehr Rücksicht, Geduld oder Zeit beim Umgang mit dieser Person sinnvoll sind.

Wenn es mal Logos und Schilder zu sehen gibt, sind die alle einfach in schwarz und weiß gehalten. Lesbar. Simpel. Ohne viel Metaphorik und Symbolik. Die Gebäude sind einheitlich, ruhig und aus Holz – ebenfalls einfarbig. Und weil ich so gerne dort bin, war es mir eine Freude, mal etwas tiefer zu recherchieren. Was könnte in Dänemark Menschen wie mich (also neurodivergente) vielleicht noch ansprechen? Denn mein größter Traum ist es, öfter Zeit dort verbringen zu können. In einem eigenen Holzhaus. Ob als Ferienhaus oder Eigenheim, das weiß ich noch nicht.
Das bekannte erfolgreiche Bildungssystem
Dänemark ist ein Land, in dem für Kinder mitgedacht wird. In allen Städten, in denen wir waren, waren Sandkästen in den Einkaufsstraßen, Wickeltische auf jeder öffentlichen Toilette (von denen es an jeder Ecke welche gibt, die kostenfrei und sauber sind) und Spielecken in Cafés und Restaurants. Sogar in Wäldern hängt zwischendrin eine Schaukel. In allen Ferienhäusern, in denen wir waren, gab es jede Menge Spiele, Hocker, Hochstühle, Kindergeschirr – alles selbstverständlich. Man kann sich Lastenräder ausleihen und die Dänen lassen ihre Kinderwagen mit Babys und Taschen draußen stehen, weil sie sich sicher genug dafür fühlen. Ein Gefühl, das ich als deutsche Mutter vorher nicht kannte. Kinder sind die Zukunft und das leben die Dänen. Nicht zuletzt an ihren Schulen.
| Bereich | Dänemark | Deutschland |
|---|---|---|
| Schulpflicht / Unterrichtspflicht | Unterrichtspflicht: Eltern können selbst entscheiden, wie Unterricht erfüllt wird (öffentliche Schule, Privatschule, Heimunterricht – aber 9 Jahre Unterrichtspflicht). | Schulpflicht: Kinder müssen eine Schule besuchen, in der Regel von 6/7 bis 15/16 Jahre. |
| Struktur des Systems | Gemeinschaftsschule (Folkeskole) für 9 Jahre (Klassen 0–9). Danach Freiwilliges 10. Jahr oder Gymnasium. | Getrennte Schulformen: Grundschule + Hauptschule, Realschule, Gymnasium oder Gesamtschule (je nach Bundesland). |
| Notensystem / Beurteilung | Punkte-System −3 bis 12: Beste Note 12, schlechte 0/−3; oft keine regulären Noten bis 8. Klasse, Fokus auf individuelle Entwicklung. | 6-stufige Notenskala (1–6): 1 = sehr gut … 6 = ungenügend; Noten ab der Grundschule üblich. |
| Zeugnisbeurteilung & Druck | Weniger standardisierte Tests, Noten erst zum Ende, Fokus auf persönliche Entwicklung und soziale Kompetenzen. | Stärker Prüfungs- und Notenorientiert, hohe Bedeutung für Schulwahl/Weiterkommen nach der 4. Klasse. |
| Klassengröße | Tendenziell etwas kleiner als OECD-Durchschnitt, ca. 19–20 Schüler pro Klasse; projekt- und gruppenbasiertes Arbeiten wird gefördert. | ~21 Schüler pro Klasse im Primarbereich (OECD-Daten 2023) – leicht über dem OECD-Durchschnitt von ~20,6 Schülern. |
| Schwerpunkte / Pädagogik | Betonung von Gleichberechtigung, Inklusion, Kooperation, Selbstständigkeit, soziale Kompetenz; projektorientiert. | Oft stärker fachlich und leistungsorientiert; verschiedene pädagogische Konzepte je nach Schulform; Inklusion variiert stark. |
| Soziale Kompetenzen | 1. „Klassens Time“ (Klassenstunde): Anteil: 100 % Ablauf: Die gesamte Klasse trifft sich in einem entspannten Rahmen. Schüler bringen aktuelle Probleme oder Konflikte ein – egal ob schulisch oder privater Natur. Ziel: Gemeinsam Lösungen finden, aktiv zuhören und lernen, die Perspektive anderer einzunehmen. Hygge: Oft bringen Kinder Kuchen oder Snacks mit, um eine Atmosphäre der Geborgenheit und Gemeinschaft zu schaffen, die den Austausch erleichtert. Prävention: Dänemark hat eine der niedrigsten Mobbingraten weltweit. 2. Programme wie „Step by Step“: Kinder lernen anhand von Bildern, Gesichtsausdrücke und Emotionen anderer zu deuten und zu respektieren. | Es gibt an einzelnen Schulen (weniger als 15 %) Modellprojekte: 1. „Empathie macht Schule“ Anteil: ca. 0,01 % (3 Berliner Grundschulen) – Empathie und Achtsamkeit fest in den Schulalltag integrieren – für Schüler, Lehrkräfte und Eltern. 2. Das Schulfach „Glück“ Anteil: ca. 0,6 % (200 Schulen in Deutschland sowie in Österreich und der Schweiz) als Wahlpflichtfach oder im Rahmen von Ethik Inhalte: Persönlichkeitsentwicklung, Selbststeuerung, Empathie und Lebensfreude. 3. Externe Programme: Lions-Quest: Anteil: ca. 6,4 % bis 12 % (Seit 2024 nehmen über 2.100 Schulen an spezifischen Förderungen teil, mit dem Ziel, bis 2026 rund 4.000 Schulen (ca. 12 %) zu erreichen) Inhalt: weltweit verbreitetes Lebenskompetenzprogramm (unterstützt von den Lions Clubs), das Lehrkräfte fortbildet, um Schülern Empathie und Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln. FREI DAY: Schüler bekommen wöchentlich Zeit, eigene soziale oder ökologische Projekte umzusetzen, was die Selbstwirksamkeit und das Verständnis für gesellschaftliche Probleme fördert. |
| Medienverwendung / Digitalisierung | Sehr hohe Nutzung von Computern/Tablets im Unterricht (Deutlich über dem EU-Durchschnitt laut ICILS-Daten). | Deutschland liegt deutlich niedriger bei täglicher Mediennutzung im Unterricht. |
| Notenwiederholung / Sitzenbleiben | Klassenwiederholung selten, oft spezielle Förderung statt Sitzenbleiben. Entscheidungen werden individuell und unterstützend getroffen. Viele dänische Schüler (ca. 50 %) entscheiden sich nach der regulären 9-jährigen Schulpflicht freiwillig für ein zusätzliches Jahr, um sich persönlich weiterzuentwickeln oder sich besser auf das Gymnasium vorzubereiten. | Über die gesamte Schullaufbahn hinweg wiederholen etwa 20 % aller Schüler in Deutschland mindestens einmal eine Klasse. Allein in der 1. Klasse wiederholten über 41.000 Kinder ein Jahr (Stand: Februar 2026) |
Besonders die Option, von zu Hause aus lernen zu dürfen, hätte vor allem für Kinder aus dem Autismus-Spektrum großes Potenzial, um psychisch gesund durch die Schulzeit zu kommen und trotzdem auf demselben Bildungsstand zu sein, wie alle anderen. Natürlich geht das nur, wenn Bildung auch besonders digital gelebt wird, wie Dänemark es vormacht. In Deutschland werden da keine Unterschiede gemacht. Jedes Kind muss hier täglich mindestens 10 Jahre lang in einem Klassenraum erscheinen. Das Prinzip des Homeschoolings gibt es übrigens auch in anderen europäischen Ländern wie Italien und der Schweiz.
| Homeschooling / Unterricht zuhause | Homeschooling ist erlaubt und wächst – z. B. ca. 2.560 Kinder zu Beginn des Schuljahres 2025/26 nach Daten aus einer Umfrage der Kommunen. | Homeschooling ist grundsätzlich nicht erlaubt außerhalb der Schule, solange keine vorübergehende Ausnahme (z. B. Krankheit) vorliegt. Eltern müssen schulpflichtige Kinder an einer Schule anmelden. |
Auch gibt es in Deutschland eine strikte Trennung zwischen verhaltensauffälligen Kindern und denen, die irgendwie mitschwimmen. In Dänemark gibt es das so nicht extrem, da Inklusion in jeder Klasse einer öffentlichen Schule gelebt wird. Die Kinder kennen es dort nicht anders, dass individuell sofort gefördert wird, wo es nötig ist. Am Gymnasium beispielsweise gibt es auch keine plötzlichen unangekündigten Tests, in denen unter Zeitdruck alles Wissen abgerufen werden muss. Stattdessen nehmen die Schüler und Schülerinnen sich die Aufgaben mit nach Hause, lösen sie, wenn SIE sich gerade in top Form dafür fühlen und erst dann wird das Wissen ausgewertet. Alles digital natürlich.
| Förderschulen / Sonderförderung | Keine dominanten separaten Förderschulen– nur wenige regionale Spezialschulen (z. B. Seh-/Hörbehinderung); größter Teil der Förderung findet in der Folkeskole / mainstream statt. | 1. Trennung zu Förderschulen mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten (Lernen, Sprache, emotional-sozial etc.) 2. Diagnose- und Förderklassen (DFK) in Bayern und einigen anderen Bundesländern (z. B. Mecklenburg-Vorpommern): Schuleingangsphase wird auf drei Jahre gestreckt in kleineren Klassen. Gibt es meist an Förderschulen, aber auch an ein paar Grundschulen. |
| Kosten – Schulgeld / Schulessen | Öffentliche Schulen sind kostenlos. Schulessen wird zwar nicht einheitlich kostenlos angeboten, aber es gibt staatliche Pilotprogramme für kostenfreie Schulmahlzeiten für Tausende Kinder. | Öffentliche Schulen haben kein Schulgeld, aber Schulessen ist meist kostenpflichtig bzw. über die Eltern zu finanzieren (in vielen Fällen 3–5 € pro Mahlzeit). In einigen Regionen gibt es Förderungen (z. B. Bildungs- und Teilhabepaket). |
| Schulbegleiter / Assistenz | Pædagogiske assistenter (Pädagogische Assistenten): Diese Fachkräfte unterstützen Kinder mit besonderen Bedürfnissen (z. B. Autismus, ADHS) direkt im Unterricht. Betreuungsschlüssel: Unterstützung wird gewährt, wenn ein Kind mindestens 9 Stunden pro Woche (ca. 12 Unterrichtsstunden) zusätzliche Hilfe benötigt. Flexible Teams: Oft sind zwei Lehrkräfte oder eine Lehrkraft und ein Pädagoge gleichzeitig in einer Klasse (Co-Teaching), um alle Schüler individuell zu fördern. In Dänemark kommen auf 1000 Schüler deutlich mehr pädagogische Fachkräfte als in Deutschland. In den über 1.000 Folkeskole arbeiten tausende pädagogische Assistenten und Sonderpädagogen. | Schulbegleiter werden eingesetzt, vor allem bei Bedarf (z. B. bei Autismus, Behinderung), aber Ausstattung und Umfang sind stark unterschiedlich je nach Bundesland/Schule. In Deutschland gibt es aktuell geschätzt rund 100.000 bis 110.000 Schulbegleiter (auch Integrationshelfer genannt). Viele Stellen werden von Quereinsteigern oder FSJ-lern besetzt, da es kein geschütztes Berufsbild „Schulbegleiter“ mit einheitlicher Ausbildung gibt. Die Zahl der bewilligten Schulbegleitungen hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt. Die Ausgaben für Schulbegleitungen belaufen sich bundesweit auf über 1,5 bis 2 Milliarden Euro pro Jahr. |
| Lehramt-Studium / Lehrerbildung – Praxisanteil | In der Lehrerausbildung ist Praxis ein fester Bestandteil: das vierjährige Bachelor-Programm (240 ECTS) beinhaltet einen Praxisanteil von ca. 30 ECTS (ca. 900 Stunden Arbeitsaufwand) , der praktisch-unterrichtliche Erfahrungen in Schulen umfasst, also geleitete Unterrichtspraxis. Damit ist praktische Erfahrung während des Studiums verpflichtend integriert. | Bachelor + Master oder Erster Staatsprüfung mit anschließender Lehrerausbildung. Ein Praxissemester mit mehreren Wochen Schule (inkl. Unterricht, Hospitation, Planung) ist häufig integriert; zusätzlich folgen Referendariat/Vorbereitungsdienst nach dem Studium. Beispiel-Praxissemester kann 10–14 Wochen umfassen (inkl. Unterricht, Elternarbeit, Schulalltag) je nach Uni/Studiengang. |
Arbeitsmarkt in Dänemark
Wenn wir auf das Thema Arbeitslosigkeit schauen, zeigen sich Unterschiede, die auch gesellschaftliche Dynamiken reflektieren:
🔹 In Dänemark lag die Arbeitslosenquote 2025 auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau – Schätzungen und aktuelle Arbeitsmarktstatistiken bewegen sich um 2,6 %. Das spricht für einen grundsätzlich engen Arbeitsmarkt.
🔹 In Deutschland hingegen ist die Arbeitslosenquote im gleichen Zeitraum höher. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass sie an der Marke von etwa 6,3 % bis 6,6 % liegt, je nach Saison und Messzeitpunkt. Damit sind in Deutschland mehrere Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, was die wirtschaftlichen Herausforderungen und strukturellen Unterschiede zum kleineren dänischen Markt widerspiegelt.
Inklusion im Arbeitsleben – wie die Realität aussieht und was Studien zeigen
In Dänemark steht Teilhabe am Arbeitsmarkt für alle Menschen – auch für diejenigen mit Behinderungen – seit Langem im Fokus politischer und arbeitsmarktpolitischer Strategien. Staatliche Programme wie das Act on Compensation for Disabled Persons in Employment zeigen, dass es Maßnahmen gibt, die Arbeitgeber unterstützen, Personen mit Behinderungen zu beschäftigen, z. B. durch finanzielle Unterstützung für persönliche Assistenz oder Lohnzuschüsse. Ziel dieser Programme ist es, Menschen mit besonderen Bedürfnissen die gleichen Chancen auf Teilhabe im Berufsleben zu ermöglichen wie Menschen ohne Behinderung.
Für Deutschland liefert das Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt Research Institute jährlich belastbare Zahlen und Einschätzungen zur Lage am Arbeitsmarkt:
- Die neuesten Daten zeigen, dass die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung 2024 bei etwa 11 – 12 % lag, also deutlich höher als die der Gesamtbevölkerung. Rund die Hälfte der etwa 3 Mio. Menschen mit Behinderung, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, hatten 2024 einen Arbeitsplatz. Bei autistischen Menschen lassen sich Werte finden zwischen 40% / 60% bis zu 85% Arbeitslosigkeit.
- Gleichzeitig erfüllen nur etwas mehr als ein Drittel der beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber die gesetzliche Quote (mind. 5 % schwerbehinderte Mitarbeitende).
Diese Studien verdeutlichen, dass trotz rechtlicher Rahmenbedingungen und klarer Zielvorgaben Inklusion in Deutschland noch nicht flächendeckend verwirklicht ist, und dass strukturelle Barrieren – etwa unbesetzte Pflichtarbeitsplätze oder fehlende Arbeitsmarktchancen – weiter bestehen. Eine Statista-Auswertung zeigt außerdem, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland rund doppelt so häufig arbeitslos sind wie Menschen ohne (11 % vs. 6 %).
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